Die Lauinger haben einen Koffer in Berlin

Aus „Augsburger Allgemeine“ vom 03.10.2002

Ungewöhnliche Verbindung zu Marzahn-Hellersdorf – Serie (14)
Die Vielfalt der Kontakte ist beeindruckend: Städte und Gemeinden in unserer Region pflegen Partnerschaften mit Kommunen in aller Welt. Jede dieser Verbindungen hat ihre eigene Geschichte und ihre besonderen Aspekte. Einige dieser Partnerschaften, die vor allem durch das persönliche Engagement vieler Bürger geprägt sind, wollen wir in unserer Serie vorstellen. Dass Gegensätze zuweilen anziehend wirken, beweisen die nordschwäbische Kleinstadt Lauingen und der Berliner „Plattenbau-Bezirk“ Marzahn-Hellersdorf.
Von unserem Redaktionsmitglied Berthold Veh, Lauingen

Die Beziehung ist außergewöhnlich, auch wenn Lauingen und Marzahn-Hellersdorf inzwischen die Normalität beschwören. Anfangs hatte die deutsch-deutsche Städtepartnerschaft Klischees aufleben lassen. Im „schwarzen“ Lauingen rollt CSU-Rathauschef Georg Barfuß den „roten Teppich“ für einen PDS-Bürgermeister aus, titelte einst die Berliner Morgenpost.
Auch in der schwäbischen Herzogstadt hatte das nicht allen gefallen. CSU-Bezirksrat Helmuth Zengerle zeigte sich befremdet. Man könne nicht vor Wahlen gegen die PDS wettern und sich hinterher auf einmal verbrüdern. Neben der Polit-Schiene könnten auch sonst die beiden deutsch-deutschen Städtepartner nicht unterschiedlicher sein. Hier die schwäbische Kleinstadt mit rund 11000 Einwohnern und einer über 800-jährigen Geschichte, dort der Berliner Plattenbau-Bezirk, die größte Neubausiedlung Deutschlands. Nach der Fusion der einst selbstständigen Hauptstadt-Bezirke im vergangenen Jahr zählt Marzahn-Hellersdorf jetzt über 260000 Einwohner.
„Die Mauern in den Köpfen einzureißen“ – das hatte sich einst der Marzahner PDS-Bürgermeister Harald Buttler zur Aufgabe gemacht. Mauern in den Köpfen seien zwar zwölf Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch da, sagt Bürgermeister Barfuß: „Wir haben aber geholfen, einige Steine abzutragen.“
Offiziell besiegelt wurde die Städtpartnerschaft erst vor drei Jahren. Die Kontakte reichen allerdings bis ins Jahr 1988 zurück. „Im Grunde fing alles mit einer Zigarette an, um die ein Dillinger in einer Köpenicker Gaststätte gebeten wurde“, erinnert sich Hubert Götz, der Kreisvorsitzende vom „Bund der Berliner“. Der Raucher war Mitglied bei den Kickern des BSC HO Marzahn. Es entstand eine Freundschaft, die Besuche aus dem Kreis Dillingen waren zunächst einseitig, bis die Mauer fiel. Die Stadt Lauingen schloss sich den Aktivitäten der Berlin-Freunde an und trieb die Idee einer offiziellen Städtepartnerschaft voran. Der Austausch funktioniert, und dies jenseits der politischen Ebene. Deshalb ist der Ehrenvorsitzende des Sportvereins Marzahner Füchse, Horst Löser, auch sauer, wenn immer wieder Rot-Schwarz-Vergleiche aus der Schublade gekramt werden: „Von den 140 Marzahnern, die mit Lauingern Fußball, Tennis, Volleyball gespielt und gefeiert haben, sind ganze zwei Mitglieder der PDS“, schimpfte Löser einst bei einem Treffen. Die Kontakte laufen über Schulen, Fußballer, die Kolpingsfamilien oder die Verwaltung. Eine oval geformte „Partnerschaftsbank“ am Lauinger Donauufer sollte das deutsch-deutsche Zusammenrücken von selbst einüben. Sie wurde allerdings von Unbekannten zertrümmert.
Auch der neue PDS-Bürgermeister Uwe Klett will die Partnerschaft mit Lauingen „weiter intensivieren“ und schwärmt von dem „netten Städtchen“. Für Marzahn-Hellersdorf sei es von großem Interesse, wie effizient die Lauinger Stadtverwaltung arbeite. „Der Bau der Moschee hat uns ebenfalls beeindruckt. Wir sind überrascht, wie gut die Integration in Lauingen funktioniert und können davon einiges lernen“, sagt Klett. Barfuß setzt indes auch große Hoffnungen in die Wirtschaftskontakte. Für den Lauinger Dämmplatten-Hersteller Verotec beispielsweise sei der Berliner Plattenbau-Bezirk Marzahn ein geeignetes Betätigungsfeld. Die Hauptstädter fühlen sich an der Donau „wie im Urlaub“, gesteht der Geschäftsführer des Marzahn-Hellersdorfer Städtepartnerschaftsvereins, Norbert Eyck: „Viele Berliner haben von Bayern keine Vorstellung. Wir können durch die Städtepartnerschaft die Trennung, die in 40 Jahren entstanden ist, wieder abbauen.“ Events wie die Lauinger Musiknacht hätten inzwischen einen festen Platz im Kalender. „Dafür nehme ich mir immer extra Urlaub“, sagt Petra Wermke, die Vorsteherin der Bezirksverordneten-Versammlung. Auch der Lauinger Fasching findet in der Hauptstadt Gefallen. So soll in der fünften Jahreszeit in Marzahn-Hellersdorf ein Bus gechartert werden, um beim närrischen Treiben in der Faschingshochburg dabei zu sein.