Dornröschenschlaf zu Ende?

Aus dem „Marzahn-Hellersdorfer Kulturkalender“ 4/2016

Report: Städtepartnerschaften

„Städtepartnerschaften sind zu wichtig, um sie nur den Politikern zu überlassen“, hatte ich schon vor 25 Jahren in einem Zeitschriftenartikel geschrieben. Und die Situation der Partnerschaften von Marzahn-Hellersdorf zeigt, wie richtig das ist. Sechs Städtepartner hat der Bezirk: Halton in Großbritannien, Tychy in Polen, der Stadtbezirk Oktjabr in Minsk (Weißrussland), der XV. Stadtbezirk Rákospalota in Budapest (Ungarn), die Stadt Lauingen an der Donau in Bayern sowie als jüngsten Partner der Bezirk Hoang Mai in Hanoi (Vietnam). Das müsste eigentlich das Potenzial für ein reges internationales Kulturleben sein. Doch wenn man sich umhört, dann kennt kaum jemand die Partnerstädte. Und die kulturellen Begegnungen werden offensichtlich immer weniger.

Gruppe aus Tychy mit den Schülern der Thüringen-Schule beim Einstudieren eines gemeinsamen Tanz- und Gesangsprogramms. Fotos: Verein Städtepartnerschaft

Gruppe aus Tychy mit den Schülern der Thüringen-Schule beim Einstudieren eines gemeinsamen Tanz- und Gesangsprogramms. Fotos: Verein Städtepartnerschaft

Um die Jahrtausendwende kamen teilweise Jugendliche aus England, Polen, Weißrussland und Ungarn gleichzeitig in den Bezirk. Gemeinsam zogen sie beispielsweise anlässlich der „United Space Parade“ über die Allee der Kosmonauten. Ein besonderer Knüller war dabei die polnische Tanzgruppe aus Tychy, die zwischen den „Raumfahrern“ in ihren traditionellen Tanzkostümen besonders auffielen. Das Haus Urban social, die verschiedenen Einrichtungen von Kids und Co, der Kulturring in Berlin mit dem Kulturforum Hellersdorf, sie und andere versuchten, die Kultur der Partnerstädte gemeinsam mit Besuchern aus diesen Städten zu präsentieren.

Eigentlich ist das auch die Aufgabe des Städtepartnerschaftsvereins Marzahn-Hellersdorf. Doch er ist kaum dazu in der Lage. Nur wenig Mitglieder hat der Verein. Und die haben sich in den letzten Jahren untereinander über die Art und Weise der Arbeit auseinandergesetzt, so dass einige Mitglieder den Verein wieder verlassen haben, darunter auch die sehr aktive frühere Vorsitzende Petra Wermke. Bürgermeister Komoß wurde neuer Vorsitzender, wohl auch in der Hoffnung, mehr Unterstützung durch das Bezirksamt zu erhalten. Doch die Mittel des Bezirks sind ohnehin begrenzt. Also war und ist von dieser Seite kaum etwas zu erwarten. Schließlich ist die Frage der Aktivitäten aber nicht allein eine Frage der Finanzen. Für alternative Ideen braucht es mehr aktive Mitglieder, die sich für die Partnerstädte interessieren. Denn Städtepartnerschaft ist nur zu einem Teil eine Partnerschaft der Stadtverwaltungen. Das ist auch notwendig, geschieht aber längst auf Konferenzen auch ohne Partnerschaft. Das Kennenlernen der Bürger ist aber eine Sache der Vereine. Wo sind die Chöre, die zu ihren Jubiläen Chöre der Partnerstadt einladen oder dorthin reisen? Wo die Naturfreunde, die hier über die Naturressourcen in den Partnerregionen informieren? Wo die Sportvereine, die Partnerschaftsturniere veranstalten? Und warum ist es so schwierig, neue Schulpartnerschaften zu installieren? Aus Budapest kommt die Beschwerde, dass sich noch nichts in dieser Richtung getan hat. Eine Schule aus Tychy sucht seit über einem Jahr einen Partner. Und auch aus Hanoi soll schon eine Anfrage nach einer Schulpartnerschaft vorliegen.

Kinder- und Jugendtanzensemble „Pralesatschka“ aus Minsk

Kinder- und Jugendtanzensemble „Pralesatschka“
aus Minsk

Aber man darf nicht sagen, dass gar nichts stattfindet. Gerade Urban sozial ist noch aktiv, wenn hier auch damit gerechnet wird, dass die Veranstaltungen weniger werden. Aber im September fand wieder eine Deutsch-Polnisch-Weißrussische Jugendbegegnung statt. Kultur und Geschichte standen vielfältig auf dem Programm, und den Abschluss bildete ein „Nationalitätenabend“. Im Kulturforum begeisterte noch im vergangenen Jahr ein Kindertanzensemble und die Volkstanzgruppen «Pralesachka» und «Tjagnitschok» aus Minsk.

Volkstanzgruppe „Tjagnitschok“ aus Minsk

Volkstanzgruppe „Tjagnitschok“ aus Minsk

Im Herbst dieses Jahres fuhren auf Einladung des Partnerbezirks aus Budapest die Stadträtinnen Pohle und Witt in Vertretung des Bürgermeisters und Partnerschaftsvereinsvorsitzenden Komoß gemeinsam mit Oleg Peters und dem Veranstalter des Blütenfestes Biesdorf, Lothar Grasnick, anlässlich des Nationalfeiertags in die ungarische Hauptstadt. Das Ergebnis sind konkrete Pläne für das kommende Jahr. Eine Kulturgruppe soll zum Blütenfest anreisen, die Schulpartnerschaft soll realisiert werden, und die Kulturstadträtin will die Partnerschaft zwischen den Musikschulen aktivieren.

Folkloreensemble „Gramnitsy“ aus Weißrussland

Folkloreensemble „Gramnitsy“ aus Weißrussland

Aber der Bürgermeister denkt auch über neue Partnerschaften nach, unter anderem mit einem Partner in China. Ob es da einfacher wird, Kontakte zwischen den Bürgerinnen und Bürgern zu knüpfen? Vermutlich nicht. Ein kleiner Anstoß, bei den bisherigen Partnerschaften etwas zu verbessern, soll aber eine Veranstaltungsreihe des Städtepartnerschaftsvereins zusammen mit dem Kulturforum Hellersdorf sein. Darin sollen den
Marzahnern und Hellersdorfern auf unterhaltsame und zugleich informative Weise die Partnerstädte, ihre Geschichte und ihre Kultur vorgestellt werden.

Karl Forster