Klasse Sound in Lauingens Kneipen

Aus „Augsburger Allgemeine“ vom 8.7.2002

27 Bands heizten bei der 5. Musiknacht ein – 4500 Gäste kamen
Von Berthold Veh (Text) und Bernhard Weizenegger (Bilder)

Petra Wermke aus dem Berliner Stadtbezirk Marzahn-Hellersdorf hat sich für die 5. Lauinger Musiknacht „extra Urlaub genommen“. Die Vorsteherin der Bezirksverordnetenversammlung braucht ihre Entscheidung nicht zu bereuen. „Auf engstem Raum eine Kneipe nach der anderen, und überall ist klasse Musik zu hören“, schwärmt die Politikerin. Zusammen mit rund 4500 Besuchern genießt sie die traumhafte Atmosphäre einer lauen Sommernacht.

27 Bands sorgen am Freitag an 25 Orten der Mohrenstadt für ein gigantisches Live-Erlebnis. Dazu trägt auch das Wetter bei, denn Lauingen hat wieder einmal Glück: Kein Wölckchen am Himmel trübt das Vergnügen, als die Bigband „No Please“ die Menge beim „Warm up“ auf dem Marktplatz auf eine lange Musiknacht einstimmt. Das Bier läuft in Strömen aus den Zapfhähnen. Dennoch scheint der Andrang etwas geringer als im vergangenen Rekord-Jahr zu sein, als 5500 Karten verkauft wurden. „Wir dürften etwa 4500 Tickets abgesetzt haben“, sagt Cheforganisator Ludwig Reisner von der Stadtverwaltung. Einige hundert Gäste kommen nur auf den Marktplatz und genießen dort den Flair des Musikspektakels, ohne eine rotes Bändchen für den Besuch der Kneipen und Hallen zu ordern. „Solange wir finanziell durchkommen, werden wir daran nichts ändern“, erläutert Reisner. Denn sonst müssten alle Eingänge zur Innenstadt abgesperrt werden. „Es soll aber eine lockere, angenehme Atmosphäre sein“, sagt Reisner.

Und locker geht es bei der 5. Lauinger Musiknacht zu. Blues, Ska, Gospel, Folk, Ethno, Jazz oder Salsa – für jeden Geschmack ist etwas dabei. Ein bunt gemischtes Publikum, von Jugendlichen bis zu Senioren, schlendert durch die Altstadtstraßen. In der Espressobar Amore Mio spielt die Gruppe „Mariachi Sol Azteca“ mexikanische Folklore: „La Cucaracha“ hallt es in der Zenetti-Passage. „Ich muss das zwar nicht den ganzen Abend haben, aber bei dieser Musik tauchen Erinnerungen an den vergangenen Urlaub auf“, sagt Max Schaller aus Höchstädt.

„Leute sind gut drauf“

Einen absoluten Kracher gibt es im Royal. Dort heizen „Peter Schneider & The Stimulators“ dem Publikum mit kubanischem Sound ein und erinnern dabei an den Buenavista Social Club. Auch mit Chicago-Blues oder Latin-Jazz stimuliert die Band das Publikum. „Die sind echt gut“, meint die Dillingerin Renate Stark, die jedes Jahr nach Lauingen kommt: „Die Veranstaltung ist etwas Besonderes, die Leute sind gut drauf und die Musik ist klasse.“ Caner Taner ist ebenfalls begeistert vom Event. „Jubel und Trubel wie beim Hexentanz, nur ohne Masken“, so beschreibt er die Lauinger Musiknacht, von der auch das Leserhilfswerk unserer Zeitung profitiert: Die Stadt Lauingen unterstützt die Kartei der Not traditionell mit einer Spende.

Angesichts der Vielfalt kann man bei der Musiknacht gewesen sein und doch verschiedene Veranstaltungen besucht haben. Die Besucher entwickeln verschiedene Strategien. Die einen wählen aus und konzentrieren sich auf weniges, die anderen wollen möglichst viel sehen. „Ich höre mir so viele Bands an, wie ich schaffe“, sagt die Holzheimerin Brunhilde Miller und will unbedingt die Gruppe „Special Edition Gospel Choir feat. Roberta Collins“ hören. Der Gospelchor singt in der Spitalkirche, die während der jeweils halbstündigen Aufführung geschlossen wird. Vor dem Gotteshaus bilden sich riesige Menschentrauben. „Wahnsinn, einfach gigantisch“, schwärmt Constantin Arlesiana, die das Glück hatte, die Spirituals mitzubekommen. Zur Musiknacht reist die gebürtige Dillingerin alljährlich aus Nürnberg an.

Als Stimmungskanone präsentieren sich im Mythos die Hottlegs aus Nördlingen bei „Ring of fire“. Richtig ab geht es mit Blockbuster im Hinterhof der Sonne. Die Musiker aus dem Landkreis um Drummer Peter Rommel spielen Rockklassiker wie „Fat bottomed girls“ von Queen. Gleich nebenan in der Pianobar gibt es mit französischen Chansons den Total-Kontrast. Nicole Zéon singt gefühlvoll und einprägsam Piaf-Balladen.

Es ist zum Verzweifeln. Halb zwölf, und gerade mal ein Viertel der Bands gehört. „Mr. Booze im Rosini musst du unbedingt hören“, schwärmt ein Kenner. Aber denn würde ja die Mitternachtsparty in der Stadthalle entfallen. Dorthin ist auch Bürgermeister Georg Barfuß unterwegs. Er schwärmt von den Hotmakers, die im Kannenkeller „Dixie der Spitzenklasse“ geboten hätten. Und kündigt gleich die 6. Lauinger Musiknacht an: „Das machen wir weiter, die Musiknacht ist das Gegenstück zum Hexentanz.“

„Friedlicher Verlauf“

Das letzte Etablissement entpuppt sich als Glücksgriff: Skaos stimmt zwar quälend lange Instrumente ein, aber dann geht’s mit Drive vor jüngerem Publikum ab. Hardcore-Sca in der TVL-Halle, innovativ und mitreißend. Auf den Straßen entsteht ein wenig Chaos. Flaschen gehen zu Bruch, Müll liegt herum. Kleinere Sachbeschädigungen werden registriert. Friedrich Nothofer von der Polizeiinspektion Dillingen spricht am Tag danach dennoch von einem „friedlichen Verlauf“.