Schülerinnen und Schüler der Virchow-Oberschule auf Spurensuche in Budapest – Judenverfolgung in Budapest und der Kampf von Raoul Wallenberg um ihre Rettung

Aus der Pressemitteilung des Bezirksamtes Marzahn-Hellersdorf vom 22.06.2006

Schülerinnen und Schüler der Marzahn-Hellersdorfer Rudolf-Virchow-Oberschule, Glambecker Ring 90, machen sich vom 24. – 30. Juni auf Spurensuche in Budapest und werden dabei unterstützt von Schülerinnen der Kontyfa-Mittelschule von Budapest.
Eine Projektgruppe von Schülern des 12. Jahrgangs der Rudolf- Virchow-Oberschule erforscht seit etwa einem Jahr den Kampf von Raoul Wallenberg für die Rettung der Budapester Juden während der Zeit des Faschismus. Dank der Unterstützung von Bezirksbürgermeister Dr. Uwe Klett (DIE LINKE.PDS) und von Laszlo Hajdu, Bürgermeister des Budapester Parnerbezirkes (Bezirk XV), entstand ein enger Kontakt zur Kontyfa Schule.
Die Schüler wollen in den nächsten Tagen gemeinsam herausfinden : Wer war dieser Mensch, der Tausenden Budapester Juden das Leben rettete? Warum tat er das und vor allem wie war ihm das möglich in der Zeit des Faschismus?
Welcher Lebensweg führte Raoul Wallenberg dazu, zu einem der „Gerechten der Völker“ , auch vor dem Hintergrund seiner eigenen Herkunft, zu werden?
Darüberhinaus wollen sich die Partnergruppen aber auch mit dem Schicksal der Budapester Juden beschäftigen, mit der Zeit ihrer Verfolgung, Vernichtung, Zwangsdeportation bis nach Deutschland. Und mit dem Schicksal jener, die überlebten, in Deutschland trotz der Zwangsarbeit in Rüstungsbetrieben, eingekerkert in Konzentrationslagern, oder in Budapest in sogenannten „Geschützten Häusern“, auch Dank Raoul Wallenberg.
Eine besondere Fragestellung soll auch sein, ob und welchen Widerstand es gegen die Faschisten unter den Budapester Juden gab.
Nicht zuletzt hoffen die Schüler, auch Menschen aus der Heimat von Wallenberg, aus Schweden, befragen zu können. Als welchen Menschen kannten sie ihn? Wie kannte ihn seine Familie?
Da eine Möglichkeit der Verarbeitung einer solch schwierigen Thematik die künstlerische Auseinandersetzung ist, wollen die Schüler Stätten des Gedenkens an Wallenberg in Budapest und Stockholm besuchen und andere zumindest virtuell in Erfahrung bringen. Die deutschen Schüler wollen auch selbst überlegen, wie sie zur Gestaltung solcher beitragen können und entsprechende Entwürfe ausarbeiten.
Wie ist die Projektidee entstanden? Warum wurde gerade dieses Thema ausgewählt?
Seit Jahren schon ist es an der Rudolf-Virchow-Oberschule Tradition, sich auch über den Unterricht hinaus in Projekten mit Themen zu befassen, die die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte während der Zeit des Faschismus zum Inhalt haben.
Im Rahmen der Projektwoche im Juni 2005 fertigten zwei Schülerinnen eine Fotodokumentation über die Raoul-Wallenberg-Straße in Marzahn-Hellersdorf an und recherchierten im Internet über den Mann, nach dem hier eine Hauptstraße benannt ist. Sie stellten erst bei diesen Recherchen fest, welche Bedeutung Raoul Wallenberg zukommt und dass eigentlich kaum Menschen, die hier leben, etwas über ihn wissen. Es entstand der Wunsch bei den Schülerinnen, Letzteres zu ändern.
Unter ihren Mitschülern fanden sie weitere sechs, die sich auch dafür einsetzen wollten und auch zwei Lehrer, die sie seither von den Fächern Politische Weltkunde und Kunst her unterstützen.
Schon bald waren alle einig, dass alle Wege nach Budapest führten und dass auch dort geforscht werden muss. Es wurde Literatur studiert, Filmmaterial gesichtet und, durch eine Anregung und die Unterstützung der Bezirksbürgermeister von Marzahn-Hellersdorf und des XV. Bezirks in Budapest, Kontakt zur Kontyfa Schule hergestellt.
Die Schüler der Virchow-Oberschule besuchten im November 2005 das Konzentrationslager von Auschwitz-Birkenau (dabei auch das ungarische Haus im Stammlager) und im April 2006 das Konzentrationslager Ravensbrück, wo sie intensiv nach Spuren Budapester Juden im Archiv suchten und auch viele fanden. Zwei Schülerinnen fanden auch über das jährliche Treffen der Überlebenden des Konzentrationslagers von Sachsenhausen zum Tag der Befreiung des Lagers zwei Zeitzeugen aus Budapest, die überlebten.
Die ungarischen Schüler haben bisher Museen, auch das neue Jüdische Museum, in Budapest besucht, die über Wallenberg berichten und sich mit Dokumentationen über sein Leben beschäftigt. Sie sammeln Material für eine Broschüre, die sie herstellen wollen. Sie haben außerdem Kontakt zu einer Schule in Ungarn hergestellt, die Wallenbergs Namen trägt.
Nähere Infos unter Tel.: 930298180.

Hintergrundinformationen (Projektbeschreibung der Schüler):

Arbeitsplan
Vorarbeit
Bereits erfolgt  Bestimmung des genauen Inhalts und der Arbeitsaufteilung durch die SchülerInnen
 Inhaltliche Vorarbeit
Juni 2006 Projekt- bzw. Archivarbeit in Budapest
 Besuch von Gedenkstätten für Wallenberg
 Archivarbeit im Jüdischen Museum bzw. in der Jüdischen Gemeinde von Uipest
 Gespräche mit jüdischen Zeitzeugen, die den Faschismus überlebt haben
 Arbeitseinsatz auf dem jüdischen Friedhof in Rakospalota **
September/Oktober 2006 Projektarbeit und Zeitzeugengespräche in Stockholm
 Besuch von Gedenkstätten für Wallenberg
 Gespräche mit der jahrzehntelangen Leiterin des Wallenbergkomitees und der Familie Wallenberg

Dezember 2006  Projektwoche der Berliner Schüler zur Fertigstellung der schriftlichen und künstlerischen Arbeiten und zur Vorbereitung der geplanten Ausstellung bzw. der Vernissage, Erarbeitung des Katalogs
Januar 2007  Ausstellung und Präsentation der Ergebnisse in Form einer Vernissage in Berlin
April 2007  Ausstellung und Präsentation der Ergebnisse in Form einer Vernissage in Budapest

  • Der Jüdische Friedhof von Rakospalota wurde in den 1950er Jahren geschlossen. Seitdem verwilderte er, weil auch keine Menschen mehr da waren, die die Gräber pflegen konnten und es der Jüdischen Gemeinde an Geld fehlte. Im vorigen Jahr und auch in diesem Jahr arbeiteten Auszubildende der ABU aus Marzahn zusammen mit Schülern der ungarischen Száraznád Integrationsschule auf dem jüdischen Friedhof im XV. Bezirk, um ihn wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Auch unsere Partnergruppen möchten nun bei den Restaurierungsarbeiten mithelfen und auch einen Baum pflanzen (die Kommune des XV. Bezirkes hat vor drei Jahren sämtliche Bäume auf dem Friedhof gefällt).

Gespräche mit Zeitzeugen

Es werden Zeitzeugengespräche mit Juden aus Budapest geführt, die die Zeit des Faschismus überlebten.
Dabei werden wir mit drei Budapester Juden sprechen, die in Konzentrationslager der Nazis verschleppt wurden und Zwangsarbeit verrichten mussten (Dr. Edgar Frischmann, Prof. Ervin Erdös, Kató Guya).
Wir werden mit einem Budapester Juden reden, der Dank Wallenberg die Zeit in einem der „Geschützten Häuser“ überlebte.
Wir werden zu weiteren von Wallenberg Geretteten, die heute in Israel leben, schriftlich Kontakt aufnehmen. Ein Kontakt ergab sich hierfür schon über das Projektberatungsseminar in Dresden.

Es werden außerdem Gespräche mit der Gespräche mit der jahrzehntelangen Leiterin des Wallenbergkomitees in Schweden (Sonja Sonnenfeld) und einem Vertreter der Familie Wallenberg (wahrscheinlich mit seiner Schwester)erfolgen

In welcher Form soll das Projektergebnis der Öffentlichkeit präsentiert oder zugänglich gemacht werden?

In der Vernissage soll eine künstlerische Aktion alle Produkte vorstellen und verbinden.
Die Vernissage soll eine Fotoausstellung mit Fotos aus Berlin, Budapest, Stockholm, Auschwitz mit Zeichnungen von Schülern zu ihren Empfindungen während der Zeit der Auseinandersetzung mit dem Thema verbinden, Denkmalsentwürfe und gestaltete Gehwegplatten von Schülern für Wallenberg bzw. das Gedenken an die Opfer zeigen, eine Video-Audio-Installation beinhalten, in der auch die Aufzeichnung von Teilen der Zeitzeugengespräche enthalten ist.
Die Vernissage wird gefilmt.
Zur Vernissage soll ein Katalog in deutscher und ungarischer Sprache erarbeitet und gedruckt werden.
Die Gehwegplatten, die von den Berliner Schülern gestaltet und mit Unterstützung der Akademie der Künste hergestellt werden, werden in den Gehweg der Raoul-Wallenberg-Straße eingelassen.
Die schriftlichen Arbeiten der Berliner Schüler werden der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück zur Verfügung gestellt.

Projektziele

Das besondere Interesse der Schulen ist es, dass Auseinandersetzung mit deutscher und auch ungarischer Geschichte so stattfindet, dass den Schülerinnen und Schülern klar ist, dass sie keine Schuld tragen, sondern Verantwortung für das Wissen und das Nichtvergessen übernehmen müssen.

Die Schüler setzen sich mit der Geschichte des Faschismus nun anhand eines konkreten deutsch-ungarischen Beispiels auseinander, indem ein Schwede eine herausragende Rolle spielt.

Es ist wichtig, dass junge Menschen aus zwei EU-Staaten gemeinsam an einem Projekt arbeiten können, so wie es ihre Länder in vielen Bereichen auch tun oder in der Zukunft der heutigen Schüler tun werden.

Schüler der RVO und der Kontyfa-Schule präsentieren öffentlich die Ergebnisse ihrer Arbeit.

Schüler beider teilnehmenden Schulen bereiten eine Fotoausstellung mit weiteren künstlerischen Ergebnissen und Zeitzeugenberichten zu Raoul Wallenberg vor, die dann in Berlin und Budapest gezeigt wird.

Künstlerische Produkte werden im öffentlichen Raum Marzahns installiert.

Das gesamte Projekt ist so angelegt, selbstbestimmtes Lernen zu fördern.
Wir wollen eine Partnerschaft mit Leben erfüllen, die auch nach dem Projekt weiter bestehen bleibt.

Mit welchen Partnern wollen wir zusammenarbeiten?
Eine Zusammenarbeit besteht schon u.a. mit:
 dem Schülernetzwerk MuT Marzahn-Hellersdorf
 dem Kinderring e.V. (Burkhard Zimmermann)
 the International Raoul-Wallenberg-Foundation, New York (Baruch Tenembaum)
 Bezirksamt und BVV Marzahn-Hellersdorf von Berlin
 Bezirksamt XV. Bezirk von Budapest

Eine Zusammenarbeit wollen wir noch aufbauen oder intensivieren u.a. mit:

 der ABU Marzahn-Hellersdorf (betr. Jüdischer Friedhof Rakospalota, Budapest)
 Akademie der Künste Berlin
 Deutsches Historisches Museum Berlin
 der Jüdischen Gemeinden zu Berlin und Uipest (Rabbiner Deutsch)