Von Halton bis Hanoi

Aus dem „Kulturkalender Marzahn-Hellersdorf“ 3/2019

Städtepartnerschaften

„Eine Gemeindepartnerschaft – auch Städtepartnerschaft oder Jumelage – ist eine Partnerschaft zwischen zwei Städten, Gemeinden oder Regionen (Partnerstädte usw.) mit dem Ziel, sich kulturell und wirtschaftlich auszutauschen“, liest man in Wikipedia. Und so hat es in den 40 Jahren des Bestehens des Bezirks Marzahn – heute Marzahn-Hellersdorf – schon früh partnerschaftliche Kontakte gegeben. Heute sind es Partnerschaften mit drei Städten und drei Stadtbezirken, allerdings mit unterschiedlicher Intensität.

Seit 9. November 1991 gehört der XV. Bezirk der Hauptstadt Ungarns zu Marzahn-Hellersdorfs Städtepartnern und ist damit die älteste Partnerschaft. Es besteht aus den Stadtteilen Rákospalota, Pestújhely und Ùjpalota, wird aber nach dem größten Ortsteil Rákospalota genannt. Eine Besonderheit des Bezirks mit vielen Reihenhäusern ist eine aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts stammende Siedlung für Angestellte der Ungarischen Eisenbahn im Stil einer Gartenstadt. Die partnerschaftlichen Kontakte sind in jüngster Zeit nicht mehr so aktiv, was möglicherweise auch daran liegt, dass Rákospalota (ca. 80.000 Einwohner) insgesamt 11 Partnerschaften, darunter auch zwei mit Städten in China, unterhält.

Schon wenige Monate nach der ersten Partnerschaft, im Mai 1992, wurde ein weiteres Abkommen, diesmal mit der polnischen Stadt Tychy, geschlossen. Die Stadt im Süden Polens liegt an der östlichen Grenze der Wojwodschaft Slask (Schlesien) und gehört zum Ballungsgebiet südlich der Bezirkshauptstadt Katowice. Tychy hat eine wechselhafte Geschichte, gehörte abwechselnd zu Polen, zu Österreich, als Folge des Schlesischen Krieges zu Preußen und kam 1922 nach einer Volksabstimmung wieder zu Polen. Die ca. 130.000 Einwohner umfassende Stadt verfügt über eine inzwischen auch in Deutschland bekannte, bereits 1629 gegründete Brauerei (Tyskie) sowie moderne Automobilwerke von Fiat/Lancia und Ford. Nur wenige Kilometer entfernt von Tychy liegt Oswiecim, mit dem ehemaligen KZ Auschwitz. Insbesondere im Bereich Jugendbegegnung ist diese Partnerschaft, auch mit Unterstützung durch das Deutsch-Polnische Jugendwerk, sehr aktiv.

Gramnitsy 2018 im Freizeitforum Marzahn

Am 26. Mai 1993 folgte eine Partnerschaft mit dem Stadtbezirk Oktober der weißrussischen Hauptstadt Minsk. Die Partnerschaft entwickelte sich sehr vielfältig. Unterstützend ist dabei die Existenz eines regelmäßigen Arbeitstreffens der deutsch-belorussischen Partnerschaften. Jugendgruppen beteiligten sich an Trilateralen Jugendbegegnungen mit den polnischen Gästen. 2018 weilte das Ensemble Gramnitsy, dessen Repertoire aus belorussischen Volksgesängen, traditionellem Liedgut, Kirchenliedern und eigenen Arrangements besteht, in unserem Bezirk und gab im Freizeitforum Marzahn ein Konzert.

Am 25. Mai 1994 startete dann die Partnerschaft mit dem britischen Borough Halton. Halton ist ein Bezirk mit der Industriestadt Runcorn, zwischen Manchester und Liverpool gelegen. Der Bezirk mit enormen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und großer relativer Armut unterhielt eine anfangs sehr aktive Jugendpartnerschaft mit dem Verein Kids & Co. Doch der englische Partner, das „Canal Boat Adventure Project“, scheiterte nach unglücklichen Vorfällen, und es fand sich kein Nachfolgeprojekt, so dass die Beziehungen sich derzeit auf die Glückwunschkarten zu Neujahr zwischen Bürgermeisterin Pohle und dem jährlich wechsenden Councillor beschränken.

Alphornbläser aus Lauingen auf der IGA 2017

Einen ungewöhnlichen Beginn hatte die Partnerschaft mit der im bayerischen Schwaben liegenden Stadt Lauingen (Donau). 1987 besuchte eine Gruppe ausLauingen eine Gaststätte in Köpenick und wurde von dem Mitglied einer Betriebssportgruppe nach einer Zigarette gefragt. Daraus ergab sich ein längeres Gespräch und ein guter Kontakt zwischen den Lauinger Sportlern und den Ost-Berliner Betriebssportlern. Gleich nach der Wende gab es einen ersten Besuch aus Marzahn in Lauingen, es folgten ein Fußballturnier und wenig später offizielle Kontakte zwischen dem Lauinger Verein „Freunde Berlins“ und dem TSV Marzahner Füchse. Zwei Jahre später wurden „Marzahner Tage“ in Lauingen organisiert, wozu 150 Gäste aus Marzahn anreisten. 1999 kam es dann zur offiziellen Partnerschaft, die bis heute einen regen Austausch von Politikern, Jugendgruppen, Sportlern und Künstlergruppen beinhaltet.

Die jüngste Partnerschaft entstand 2013 mit dem rund 8000 km entfernten Hoáng Mai, dem bevölkerungsreichsten Bezirk (ca. 365.000 Einwohner) der vietnamesischen Hauptstadt Há Nôi, deutsch: Hanoi. Trotz der großen Entfernung gab es Besuche und Gegenbesuche von offiziellen Delegationen, allerdings keiner gesellschaftlichen Gruppen. Im April 2019 besuchte der neue Botschafter der Republik Vietnam den Bezirk Marzahn-Hellersdorf und traf sich mit der Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle und Mitgliedern des Bezirksamts. Dabei ging es sowohl um die Integration der traditionell starken vietnamesischen Gemeinschaft im Bezirk, als auch um die Städtepartnerschaft.

Natürlich hatte der Bezirk zum Bezirksjubiläum auch Städtepartner eingeladen. Bis zum Redaktionsschluss des Kulturkalenders gab es Zusagen aus den Partnerstädten Lauingen, Budapest, Minsk und Hoáng Mai.

Leider ist in unserem Bezirk über die Partnerstädte wenig bekannt. Und mit Ausnahme von Lauingen gibt es auch wenig Kontakte von Vereinen, Initiativen, Kirchengruppen etc. Dabei ist die Partnerschaft viel zu wichtig, um sie nur Politikern und Amtsträgern zu überlassen. Das könnte man doch ändern, oder?

Karl Forster